Torsten Schrimper

Unternehmensplanung · Teil 1 von 4

Warum Pläne scheitern — und trotzdem unverzichtbar sind

30. August 2026 · Torsten Schrimper

Jeder, der einmal geplant hat, kennt das Gefühl: Drei Wochen Arbeit, saubere Tabellen, durchdachte Annahmen — und nach vier Monaten stimmt kaum eine Zahl. Der Umsatz kommt später als gedacht, ein Kostenblock ist größer, ein Kunde springt ab.

Daraus wird oft der falsche Schluss gezogen: Planen bringt nichts, man muss einfach machen.

Der Schluss ist falsch, weil er Plan und Planung verwechselt. Das Papier veraltet, das stimmt. Was nicht veraltet, ist das, was Du beim Planen über Deinen eigenen Betrieb gelernt hast. Wer einmal ausgerechnet hat, wie viele Gäste sein Café pro Tag braucht, sieht nach zwei Monaten am Kassenbon, ob er auf Kurs ist. Wer es nie ausgerechnet hat, sieht dieselbe Zahl und weiß nicht, was sie bedeutet.

Der Plan ist das Nebenprodukt. Das Wissen ist das Produkt.

Was ein Zahlenteil wirklich ist

In den meisten Businessplänen, die mir vorgelegt werden, besteht der Finanzteil aus mehreren Tabellen nebeneinander: eine für den Umsatz, eine für die Kosten, eine für die Liquidität, vielleicht noch eine für den Kapitalbedarf. Jede für sich sorgfältig gemacht.

Und trotzdem falsch — weil sie nebeneinander stehen.

Diagramm: acht Teilpläne — Umsatz, Kosten, Personal, Liquidität, Kapitalbedarf, Plan-GuV, Planbilanz und Steuern — sind über den Zahlenteil miteinander verbunden

Ein Zahlenteil ist kein Stapel Tabellen, sondern ein System, in dem jede Größe von den anderen abhängt. Ändere eine Annahme, und es ändern sich acht Dinge gleichzeitig.

Ein Beispiel, das jeder nachvollziehen kann

Nehmen wir ein Café. Du planst mit 80 Gästen am Tag und einem Durchschnittsbon von 8,50 Euro. Beim Durchrechnen merkst Du: Das wird knapp. Also erhöhst Du auf 100 Gäste.

Eine Zahl, ein Handgriff. Was daran hängt:

  • Der Wareneinsatz steigt. Mehr Gäste, mehr Kaffee, mehr Milch, mehr Kuchen. Der Umsatz wächst, aber nicht der ganze Zuwachs bleibt bei Dir.
  • Das Personal reicht nicht mehr. 100 Gäste in denselben Öffnungszeiten heißt: eine Kraft mehr, mindestens in den Spitzen. Das sind Fixkosten, die sofort anfallen — nicht erst, wenn die Gäste tatsächlich kommen.
  • Der Kapitalbedarf steigt. Mehr Gäste brauchen mehr Sitzplätze, vielleicht eine zweite Maschine, größere Kühlung.
  • Die Liquidität verschiebt sich. Die zusätzliche Kraft wird monatlich bezahlt. Der zusätzliche Umsatz kommt, wenn die Gäste da sind — und sie sind nicht ab dem ersten Tag da.
  • Die Steuer steigt. Mehr Gewinn heißt mehr Steuer, und die wird im Folgejahr fällig, oft zusammen mit einer Vorauszahlung.

Aus einer optimistischen Korrektur ist ein anderer Betrieb geworden: mehr Personal, mehr Investition, mehr Vorfinanzierung. Ob er besser dasteht als der mit 80 Gästen, ist alles andere als sicher.

Genau das ist der Punkt. Wer die Teilpläne getrennt führt, ändert eine Zahl und sieht die Folgen nicht. Wer sie verbunden rechnet, sieht sie sofort — und diskutiert im Termin nicht mehr über Annahmen, sondern über das, was sie anrichten.

Die Planbilanz als Rechenprobe

Ein Detail, das in kaum einem Businessplan-Muster vorkommt und das ich für den wichtigsten Prüfstein halte: Wenn Ergebnisrechnung, Liquidität und Bilanz aus derselben Rechnung entstehen, muss die Planbilanz aufgehen. Tut sie es nicht, steckt irgendwo ein Fehler — in einer Annahme, in einer Zuordnung, in einer Zahl.

Eine Planung, die diese Probe nicht kennt, kann beliebig falsch sein, ohne dass es jemandem auffällt. Auch der Bank nicht.

Die fünf Fehler, die ich am häufigsten sehe

1. Der Umsatz wird nach Wunsch geplant

Der häufigste und teuerste. Er entsteht selten aus Unehrlichkeit, sondern aus der Reihenfolge: Man rechnet aus, was man braucht, und plant dann den Umsatz, der das trägt.

Richtig herum geht es andersherum. Erst die Kapazität: Wie viele Stunden, Plätze, Termine hast Du überhaupt? Was ist der realistische Preis? Daraus ergibt sich eine Obergrenze — und die ist unabhängig davon, was Du brauchst.

2. Kosten, die niemand auf dem Zettel hat

Nicht die Miete wird vergessen, die steht in jedem Plan. Vergessen werden: Versicherungen, Software-Abonnements, Instandhaltung, Beiträge, die Steuerberatungskosten — und vor allem die eigene Absicherung. Kranken- und Rentenversicherung sind bei Selbstständigen keine Nebenkosten, sondern ein Hauptposten.

3. Gewinn und Liquidität werden verwechselt

Der teuerste Denkfehler überhaupt, und er trifft auch erfahrene Unternehmer. Ein Betrieb kann Gewinn machen und trotzdem zahlungsunfähig werden — dann nämlich, wenn zwischen Leistung und Geldeingang zu viel Zeit liegt, während Löhne, Miete und Material vorher bezahlt sein wollen.

Wachstum verschärft das sogar: Jeder neue Auftrag wird zuerst vorfinanziert. Wer schnell wächst und knapp finanziert ist, kommt genau dann in Schwierigkeiten, wenn es eigentlich gut läuft.

4. Der Plan verschwindet in der Schublade

Ein Plan, der nach der Bewilligung nicht mehr geöffnet wird, hat die Hälfte seines Wertes verschenkt. Die andere Hälfte liegt im Vergleich: Was war geplant, was ist eingetreten, und was folgt daraus?

Dieser Soll-Ist-Vergleich braucht keinen großen Apparat. Er braucht nur, dass die Planung überhaupt so aufgebaut ist, dass man die Ist-Zahlen dagegenhalten kann.

5. Alleine planen

Nicht, weil man es nicht könnte. Sondern weil man die eigenen Annahmen nicht sieht — sie fühlen sich von innen wie Tatsachen an. Es braucht jemanden, der fragt: Woher weißt Du das? Und das muss nicht zwingend ein Berater sein; ein erfahrener Kollege aus der Branche tut es auch.

Der Plan als Navigationsgerät

Ein Navi berechnet die Route neu, wenn Du falsch abbiegst. Es sagt nicht: „Die Planung ist hinfällig, fahr nach Gefühl weiter."

Genau so gehört eine Unternehmensplanung benutzt. Das Ziel bleibt, der Weg ändert sich. Wenn nach vier Monaten der Umsatz zwanzig Prozent unter Plan liegt, ist das keine Niederlage — es ist eine Information. Sie ist nur dann verwertbar, wenn es einen Plan gibt, gegen den man sie halten kann.

Was das praktisch heißt:

  • Die Planung wird fortgeschrieben, nicht ersetzt. Wer die Zahlen einmal im Quartal aktualisiert, hat immer eine belastbare Vorschau — auch für die Bank, die genau danach fragt.
  • Abweichungen werden erklärt, nicht weggerechnet. Warum ist der Wareneinsatz höher? Preise, Verderb, Kalkulationsfehler? Jede Antwort führt zu einer anderen Maßnahme.
  • Die Richtung zählt mehr als der Punkt. Eine Abweichung von fünf Prozent ist Rauschen. Drei Monate in dieselbe Richtung ist ein Trend.

Wie ich das mache

Ich rechne die Teilpläne nicht nebeneinander, sondern in einem System, in dem eine Eingabe überall wirkt: RentaS, eine Controllingsoftware, die ich seit den Neunzigern entwickle und in jeder Beratung benutze.

Der praktische Unterschied zeigt sich im Termin. Wenn wir eine Annahme ändern — zwei Monate später eröffnen, ein Mitarbeiter mehr, die Tilgung über sieben statt fünf Jahre —, siehst Du die Folge für Ergebnis und Liquidität sofort auf dem Bildschirm. Nicht beim nächsten Termin, sondern während wir darüber sprechen.

Und die Planung bleibt danach nutzbar. Aus derselben Rechnung wird Dein laufendes Controlling: Soll gegen Ist, Monat für Monat.

Wo Du anfängst

Wenn Du gerade vor der Frage stehst, ob Dein Vorhaben trägt, brauchst Du nicht als Erstes einen Businessplan. Du brauchst zwei Zahlen:

  1. Was Du privat brauchst — Miete, Lebenshaltung, Versicherungen, Altersvorsorge, Steuern. Diese Zahl ist die Untergrenze für alles Weitere, und die meisten kennen sie nicht genau.
  2. Was Dein Vorhaben höchstens erwirtschaften kann — aus Kapazität mal Preis, nicht aus dem, was Du brauchst.

Liegen die beiden zu weit auseinander, ist das die wichtigste Erkenntnis, die eine Planung liefern kann — und zwar bevor ein Mietvertrag unterschrieben ist.

Bevor Du Dich festlegst

Dreißig Minuten, in denen wir Dein Vorhaben durchgehen: was geklärt ist, was fehlt und welcher nächste Schritt sich lohnt. Danach weißt Du, woran Du bist — auch dann, wenn die Antwort lautet, dass Du mich nicht brauchst.

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